Leseprobe, zum Beispiel...

A wie Aarberg

Aarberg, ein historisches Städtchen im Berner Seeland

Ein Samstagvormittag im Dezember 2009. Dick eingepackt stehen Micheline und ich mit unseren Rollkoffern vor dem Hotel Krone in Aarberg. Es ist kalt, darum sind wir dankbar für die warme Stimme von Herrn Balmer an der Rezeption. «Willkommen Frau Meier, willkommen Herr Meier!» Das mit Frau Meier stimmt natürlich nicht. Ich habe mir in den letzten Jahren angewöhnt, meine Lebenspartnerin in den Hotels als meine Ehefrau vorzustellen. Honni soit qui mal y pense! 

Wir zwängen uns in den Lift und stehen bald vor unserer Zimmertüre. «Ich habe für Sie eine Suite reserviert», sagt die warme Stimme vom Empfang und Herr Balmer schiebt uns mit einem freundlichen Lächeln hinein. Es ist eine Stube, einfach und heimelig. Das gefällt uns beiden.

Der Hunger meldet sich. Schon sitzen wir im Restaurant und freuen uns auf ein leckeres Mahl. Schliesslich ist das Hotel Krone in Aarberg für seine Spezialitäten im ganzen Seeland bekannt. Eine Menukarte gibt es heute nicht, dafür stellt die Serviertochter jedem von uns einen Teller mit Couscous hin und verschwindet. Dieser nordafrikanische Getreidebrei hat mir ganz und gar nicht gepasst. Kennt jemand Couscous? Wenn nicht, so fragt doch im Hotel Krone in Aarberg mit einem Augenzwinkern nach dieser auserlesenen Köstlichkeit.

Aber zum Glück sind wir ja nicht der renommierten Küche wegen gekommen, sondern um einer Person ganz nahe zu sein, die für uns von grosser Bedeutung ist: Christian Kohlund.

Der schweizerische Schauspieler und Charmeur Christian Kohlund faszinierte uns mit seiner Kunst der Sprache und des Sprechens. Mit seinem Können und Charisma gelang es ihm zwei Stunden lang, den ganzen Saal in Atem zu halten. Er las eindrückliche Kurzgeschichten zeitgenössischer und älterer Autoren vor. Eine dieser Geschichten beeindruckte mich tief und verankerte sich fest in meinem Gedächtnis, weshalb ich sie meinen Lesern nicht vorenthalten möchte:

Ein Dollar und siebenundachtzig Cent. Das war alles und morgen war Weihnachten. Della hatte nur einen Dollar und siebenundachtzig Cent, um damit ein Weihnachtsgeschenk zu kaufen. Für ihren geliebten Jim. Sie warf sich auf ihre schäbige Chaiselongue und heulte. Es sollte doch etwas Seltenes, Gediegenes sein. Und sie, Della, hatte Monat für Monat gespart, aber mit zwanzig Dollar in der Woche kam man nicht weit. Sie stellte sich vor den Spiegel und trocknete ihr tränennasses Gesicht. Da kam ihr eine Idee. Ihre Augen funkelten.

Flink löste sie die Fülle ihres Haares. Welche Pracht! Dellas Haar floss an ihr herab wie ein brauner Wasserfall. Die alte, hellgrüne Jacke angezogen, die Haare hastig aufgesteckt, den alten Hut aufgesetzt und schon huschte sie aufgeregt der Strasse entlang bis zum Schild «Mme Sofronie, Haare aller Art». Della eilte die Treppe hinauf und suchte sich zu sammeln, noch ganz ausser Atem. Die Geschäftsinhaberin, gross, bleich und kühl, trat ihr entgegen. «Wollen Sie mein Haar kaufen?», fragte Della erwartungsvoll. «Nehmen Sie den Hut ab und lassen Sie mich einmal sehen.» Della löste hastig ihre Haare. «Zwanzig Dollar», sagte Madame. Della war einverstanden. «Geben Sie mir schnell das Geld.» Und schon durchstöberte Della die Geschäfte, um ein Geschenk für Jim zu finden. Sie kaufte schliesslich eine Uhrenkette für einundzwanzig Dollar, die perfekt zu Jims goldener Uhr passte. Es war ein Familienerbstück, das schon Jims Grossvater gehört hatte. So herrlich die Uhr war, das alte Lederriemchen war es nicht. Das würde sich nun ändern.
...